Zuerst
möchte ich darauf hinweisen, dass es sich hierbei um persönliche
Erfahrung handelt. Die Entscheidung, Kinder zu haben
oder nicht, bestimmt nicht über den Wert der Frau oder ihr
Charakter. Diese Entscheidung ist jedem selbst überlassen und wird
auch seine Gründe haben. Aus der Sicht einer Mutter kann ich jetzt
sagen, dass allein die Aussage „man muss sich zwischen Kind und
Karriere oder dem Tanz entscheiden“ nicht gestellt werden darf. Man
kann sich für die eine oder die andere Haarfarbe, Kleidungsstück,
Musik, Lehrer, Arbeitsstelle, sogar Mann entscheiden, aber man kann
schlecht Karriere mit einem Kind vergleichen bzw. das eine von dem
anderen abhängig machen. Es führt nur zum Unglücklichsein. Denn
kein Kind wünscht sich, dass seine Mutter für ihn etwas aufgibt.
Und solange deine Kariere glänzt und schimmert, weißt du nicht, ob
sie alleine dich in der Zukunft glücklich machen wird. Auch wenn du
in deiner Karriere etwas erschaffst - Kunst, Tanz, Mode, Musik,
Gebäude - es sind Werke. Mit einem Kind erschaffst du LEBEN. Die
Karriere und der Erfolg können sich in Geld, Applaus,
Aufmerksamkeit, Liebe äußern, doch niemals wird dein Werk zu dir
sprechen, dir Fragen stellen, dich nachahmen, dich ärgern und dich
lieben, und zwar permanent, ohne dass du das einfach lassen kannst
und ein anderes, besseres Werk schaffst... Mit Kind erfährst du das
alte neu – Disziplin, Ordnung, Organisation, Müdigkeit, ABER alles
in einer anderen Dimension. Stell dir die Frage: „will ich ein
Kind, will ich eine Mutter sein?“. Aber mach das nicht vom Tanz
oder deiner Kariere abhängig. Du wirst mit Müdigkeit, Bakterien und
Viren, schlechtem Gewissen gegenüber dem Tanz und gegenüber dem
Kind zu kämpfen haben, aber auch Zwangspausen, neue Energie, das
Loslassen und Akzeptieren, die Weiblichkeit und Mutterglück kennen
lernen und die ganze (Tanz-) Welt mit anderen Augen sehen. Du wirst
weinen und du wirst lachen und wenn du beides wirklich willst, wirst
du es auch schaffen!*
I.
Tanzen und Baby.... (0-3 Jahre). Ab dem 3. Lebensjahr wird ALLES
einfacher :) aber bis dahin.....
Phase
2: die höchste Freude
Nichts
auf dieser Welt kann mit dem Moment der Freude verglichen werden,
wenn du das Kind zum ersten Mal schreien hörst. NICHTS. Es ist
einmalig, die Welt bleibt stehen, die Zeit ist eingefroren – DU
hast ein Leben erschaffen. Ein noch kleines, hilfloses Wesen wird dir
auf die Brust gelegt. Klitzekleine Finger umarmen deinen
Zeigerfinger, du hörst das kleine Herz schlagen und spürst die
Wärme. DU hast ein neues Leben erschaffen. Es ist der Moment, wo es
kein gestern mehr gibt und noch kein morgen. Als ob eine Glocke über
das Bett mit dir und dem Baby und deinem Partner gelegt wurde –
Freude. Menschliche, doch irgendwie höhere. Freude mit Körper,
Herz, Seele und Verstand.
Phase
1: die schlimmsten Schmerzen
Die
Wehen – gehören einfach dazu... und auch wenn du am nächsten Tag
oder in den nächsten Wochen nichts vom zweiten Kind hören willst,
wirst du spätestens nach einem Jahr sich nur dunkel daran erinnern.
Phase
3: die scheinbare Nichtexistenz und völlige Hilfslosigkeit
In
den ersten Wochen wird das ganze Leben von heute auf Morgen
umgestellt. Egal wie gut du dich darauf vorbereitest, es funktioniert
nicht. Es dreht sich alles nur um das Kleine: stillen, wiegen,
Windeln wechseln, stillen, wiegen, Windeln wechseln... zur
Abwechslung Baden, rätseln, warum es schreit. Schlafen und duschen
werden zum Luxus. Das Gefühl, eine Milchproduktionsmaschine zu sein,
ist der Realität ganz nah. Dein Wortschatz bekommt neue Vokabeln wie
Milchpumpe, Sterilisator, Brusteinlagen, Still-BH... Es ist die Zeit,
in der die Gedanken, jemals wieder Tanzen zu können, ganz weit weg
sind. Die Faszination für das kleine Wesen ist unbeschreiblich - die
ersten Laute, die unkoordinierten Bewegungen, das zahnlose Lächeln
machen die schlaflosen Nächte wieder gut... PS: glaube nicht der
idyllischen Werbung von Nivea und Co... wo sowohl schwangere als auch
Mütter immer scheinen glücklich, ausgeruht und perfekt zu sein –
das ist absolut gelogen.
Phase
4: es gibt eine Welt außerhalb der Bauchtanzszene
und
diese lernst du bei Rückbildungsgymnastik, Babymassage, Pekip,
Babyschwimmen und Müttertreffen lernen... Im schlimmsten Fall
unterscheiden sich beide kaum voneinander, denn nicht nur andere
Tänzerinnen, sondern auch andere Muttis scheinen alles perfekt
hinzubekommen, sie strahlen und freuen sich unglaublich über die
Gespräche über die Farbe der „Kinder-Kaka“... Auch ihre
Sprösslinge scheinen perfekt erzogen zu sein... (falls du in diese
Perfekte-Mamis Frustration kommst, empfehle ich dir die Buchreihe „die
Muttermafia“)
Phase
5: SCHRECK
"Der
Bauchmuskel ist weg". Die Muskelbeherrschung ist lahm gelegt. Statt
eines muskulösen Bauches hast du eine Schicht Gewebe hängen. Dazu
ist der gerade Bauchmuskel zur Seite gedrückt - Rektus-Diastase. Panik! Aber
nur kurz. Wende dich an Frauenarzt und Hebamme. Ich hatte Glück,
beide waren von meinem „Beruf“ fasziniert und haben das Problem und meine Sorgen ernst genommen. Mit ein Paar Übungen und etwas
Schmerzen kriegt man den Muskel (fast) wieder zusammen. Und weil dein
Körper sich an die Fähigkeiten wie z.B. Bauchwelle zu machen
erinnern kann, kriegst du das mit etwas Training auch wieder hin und
entdeckst vielleicht auch ein Paar neue Muskeln...
Phase
6: Organisation, vorausschauendes Handeln und Verlagerung des Fokus
von „ICH“ auf „DU“:
Du
lernst, dass für EIN Tanz-Wochenende du ZWEI Wochen lang Milch
abpumpen und einfrieren und den halben Haushalt zu Großeltern
bringen musst, damit du ruhig sein kannst. Und dass du während des
Wochenendes weiter abpumpen, damit du kein Milchstau bekommst, und
danach mindestens einen Tag lang schreiendes Kind ertragen musst, da
die Milch wegen der körperlichen Anstrengung zum Teil verbrannt
ist... Der Handy-Akku hält nicht so lange, wenn du alle 30 min
anrufst, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei... Du lernst deine
Essgewohnheiten nach dem Kind zu orientieren, verzichtest,
geduldest... oder erträgst die Konsequenzen.
Phase
7: Loslassen, akzeptieren, vertrauen
Du erfährst, wie das erste
Festival, nachdem du das Kind untergebracht hast, unerträglich und
langweilig ist, weil deine Gedanken ständig bei dem Kleinen sind und
dein Herz Sehnsucht danach hat. Nach dem dritten Festival lernst du
den Menschen (die auf dein Kind aufpassen) zu vertrauen und die
Zeit für dich selbst zu genießen.
Wenn
du vorher das Private und die Bühne gut trennen konntest, dann
könnte es passieren, dass harte Proben auf dich zukommen und du über
dich hinaus wächst, weil du vor einer Show vom Partner mit der
Nachricht angerufen wirst, dass das Kleine in die Notaufnahme muss,
weil es bricht. Dein Herz zerreißt, aber leider bist du 1000 von
Kilometern weit weg und musst in einer Stunde auf der Bühne glänzen
und lachen und das Glück „verkaufen“ und wieder lernen auf
andere zu vertrauen. Glaube mir, spätestens in solchen Augenblicken
wirst du die Szene und die Gespräche/ Probleme ganz schön
oberflächlich finden... Gewöhne dich dran.
Phase
8: Zeit
In den ersten Jahren, solange die Entwicklung des Kindes
rasant ist, nimmst du die Zeit anders war. Du lernst, dass ein Tag,
wenn das Kind bei Großeltern ist, 48 Stunden lang ist. Ein Jahr
dagegen ganz kurz. Denn es passen 4 mal Bronchitis, 12-14 Infekte,
die ersten Schritte, die ersten Worte, die ersten Ansprüche, das
erste „Mama, ich habe dich so lieb!“ rein. Und die Begeisterung.
Begeisterung für die kleinsten Dinge, für den Schnee, der evtl. im
ersten Jahr des Wahrnehmens als weißer Regen durchgehen muss... für
Fliegen, für Wind, die Sonne... Geräusche, die Musik...
Dir
wird bewusst, wie viel ein Augenblick Wert ist, und dass Verschieben
auf Morgen ganz böse enden kann. Denn, wenn du das Kleine zwischen 8
und 14 Monaten noch ruhig auf dem Schoß sitzen hast, läuft es dir
schon mit spätestens 16 Monaten davon und will auf gar keinen Fall
mehr auf dein Schoß (außer es ist krank oder müde). Will es mit 2,
dass du singst und bis zum Einschlafen da bleibst, so will es
vielleicht mit 2,5 im eigenen Bett, alleine und ganz selbständig
einschlafen...
Phase
9: die Lernphasen in Stichpunkten ;)
- wenn
du dachtest, dass du viele Schuhe hast, so wirst du erfahren, dass
zwischen 2. und 3. Lebensjahr die Schuhauswahl deines Kindes evtl.
größer ist als die deine...
- dass
man ein Kostüm-BH auch auf dem Kopf tragen kann, und es passt
- es
kennt all deine Lieder und die Accessoires dazu, ab jetzt brauchst
du alles doppelt. Während du dich schminkst, fragt es dich, ob du
jetzt arbeiten=tanzen gehst und ob du mit Stock oder Schleier tanzt
- Die
Begeisterung, die in den Ratgebern unter „sieh die Welt mit
Kindesaugen“ bezeichnet wird, wird dir geschenkt, und das über
Jahre.
- Du
lernst Disziplin, Verantwortung, Multitasking und gestaffeltes
Denken und Müdigkeit in einer anderen Dimension...
- Du
lernst spontan zu handeln, weil die Pläne nichts mehr taugen. Dass
du evtl. deinen Kurs auf dem Weg zum Unterricht planen musst und die
Choreographien nicht mehr so ausgearbeitet werden können, wie
vorher
- du
lernst, dass die Kindersperren gar nichts taugen und deine Fotos mit
Stars und Freunden schnell im Mühleimer landen. Dass die Lautstärke
regulieren sehr spannend ist, dass das Kleine eigenständigen
Geschmack, was Videos und Musik angeht, hat und du dich nicht
einmischen darfst.
- Du
erfährst, dass du zu unmöglichen Dingern fähig bist... Denn wenn
du vorher geschafft hast zu arbeiten, dann schaffst du jetzt zu
arbeiten, windeln zu wechseln, gesund zu kochen, morgens den
Kinderratgeber zu lesen und abends die Spielzeuge zu reparieren. Mit
Kind auf dem Arm Choreos auszudenken und sich wundern, wenn das Kind
irgendwann mal deine Musik anmacht und sagt: „Tanz Mama!“
- Mit
Kind gehst du über die Grenzen, die du dir gar nicht ausmalen
kannst, du wächst, bekommst Flügel, fällst tief und stehst wieder
auf. Musst du auch. Denn jeden Morgen ist jemand da, der dir auf die
Nase drückt und mit einem breiten Lächeln sagt: „Mama, bin wach,
lass uns spielen!“
- Weiblichkeit
- Du lernst eine
selbstlose Liebe kennen, den dein Kind sucht dich nicht aus, es kennt dich nicht,
aber es liebt dich
10.
Das Fazit (mein facebook-Posting vom 8. November 2011 – aber immer
noch aktuell): Kinder lassen uns auf dem Boden bleiben... Wenn du um
6 Uhr morgens, nach nur drei Stunden Schlaf und vier beeindruckenden
und erfolgreichen Tagen auf den Festivals mit einem „Mama! Njam,
Njam (will Essen) und einem breiten Lächeln geweckt wirst, dann wird
die Erinnerung an den Applaus ganz schnell in den Schatten gestellt!
Und das Beste ist, dass diesem kleinen Wesen es egal ist, ob du
Augenringe hast oder toll geschminkt bist, es liebt dich so oder
so...
11.
Ein ganz realer ARBEITSTAG mit Baby/ Kleinkind:
5:00
Uhr die Kleine ist wach
5:30
Uhr bin ich auch endlich wach, nachdem ich bis 01:00 Uhr gekocht und
gefacebookt habe
5:30-7:30
Uhr duschen x 2, anziehen x 2, Brot für die Krippe schmieren, dabei
selbst ein Joghurt essen.
8.15
endlich raus aus dem Haus, da die Kleine noch Pipi musste und der
Tiger statt den Bären mit sollte, weil der Bär ja schon gestern
mit war
8:45
durchatmen und fragen, was steht an... Los geht’s
Bank
1
Stunde bei Mc Mails beantworten und Latte genießen, weil der
nächste Termin um eine Stunde verschoben wurde
Näherin
aufsuchen, um das nächste Kostüm zu bestellen
Beim
Finanzamt die Unterlagen 2 min vor Schluss abgeben (so viel Glück
hat man aber nur selten)
auf
dem gesamten Weg mit der Freundin wegen der nächsten Veranstaltung
telefonieren
Sonnenstudio
13.00
Uhr mit der Begrüßung „Mama ist da!“ wieder in die Mama-Rolle
schlüpfen, nach Hause fahren, Fragen stellen und beantworten...
während
die Kleine Mittagschlaf macht, „Mittagessen“ und Büro machen,
für die Kurse sammeln
14.35
Uhr SMS von Babysitterin, dass sie ihren Bus verpasst hat. Panik, da
die Tanzproben mit Kids um 15 Uhr starten... Kind wecken, anziehen,
ins Auto packen, auf dem Weg Babysitterin Bescheid geben, dass sie
die Kleine vom Studio abholen und dann mit dem Bus nach Hause fahren
soll (ungeplanter Spaß für die Kleine, da sie das Busfahren liebt)
15.00-20.00
Uhr Kurse, Proben...
20.30
wieder zu Hause, vorlesen, erzählen, schlafen legen. Über den Sinn
des Lebens nachdenken und wenn Du nicht eingeschlafen bist, dann bis
24 Uhr Wäsche machen, Haushalt, dem Tiger die Pfote annähen (hat
den Besuch in der Krippe nicht überstanden) oder Steinchen an
Kostüm nähen
irgendwann
mal schlafen gehen, vorher nach dem kleinen Wesen horchen, über die
Haare streichen und mit einem Lächeln den ganzen Stress
vergessen... und am nächsten Morgen weitermachen
II.
Tanzen und Kindergarten-Kind
folgt....
* warum ich das
weiß: mit dem 8-wöchigen Baby habe ich meine Kurse wieder
aufgenommen, mit 10 Wochen startete die jom-Ausbildung, mit 12 Wochen
waren wir auf dem ersten Auslandsfestival, mit 16 Monaten erhielt ich
den 2. Platz „Cairo by Night“ in Stockholm, mit 22 Monaten
schloss ich die jom-dance Ausbildung ab, mit 27 Monaten holte ich den
Titel der deutschen Meisterin, mit 28 Monaten den 1. Platz beim
RaksSharki Wettbewerb im St. Petersburg, mit 29 Monaten Teilnahme an
Bellydance Evolution, mit 30 Monaten eigenes Festival zum ersten Mal
mit ausländischen Stargästen...
mit 3 Jahren und 9 Monaten denke
ich über das zweite Kind nach, denn ich merke, ich werde wieder langsam faul
:D