Dienstag, 13. Januar 2015

Moscow-Diary #1 oder was haben 295 PS mit Tanz zu tun?

...nach acht Monaten bin ich wieder hier. In einer Stadt, auf die ich jedes Mal mit gemischten Gefühlen treffe, die mein Energie- und Inspiration-Level anhebt und jedes Mal irgendetwas raus holt. Moskau...

Normalerweise, wenn ich einer Stadt begegne, ist das erste was ich mache, laufen. Einfach so, durch die Straßen, Gassen, Plätze. Ohne Plan. Ohne Stadtplan. Eindrücke sammeln. Auf sich einwirken lassen. Selbstgespräche führen. I love it!


Bei -19°C war das dieses Mal doch kein Vergnügen und es bot sich die Möglichkeit einer Spazierfahrt an. Mit 295 PS waren 160 km fast ohne Stau durch Moskau während der Feiertage eine seltene Gelegenheit. Hinter der Fensterscheibe wechselten sich die Plattenbauten mit klassizistischen Kunstwerken, Denkmälern und modernen Wolkenkratzern ab. Bestimmt nicht nach Regeln fahrende Autos, ewig eilende Menschen, dreckiger Schnee, Matsch... Keine Charakteristiken zum Verlieben und doch reizt sie mich. Diese Stadt voller Widersprüche. So wie die unnötigen 295 PS dieses Autos, was ich gerade versuche lieb zu gewinnen. Denn in Moskau gibt es die längsten Staus der Welt. Sogar an Feiertagen fährst du teilweise 40 km/h... Also, warum das Ganze? Um schneller anzufahren, erklärt mir mein Fahrer. Ich nicke nur... ja, ja. Und diese weiße Farbe? Die Autos werden mehrmals in der Woche gewaschen. Nicht damit sie sauber sind, sondern damit sich der Dreck nicht "rein frisst"... Also, ein total unpraktisches weißes Auto mit 295 PS...

Während hinter dem Fenster die architektonische Landschaft sich abwechselt, wechseln sich im Radio die Lieder ab. Ein wolliges, kribbeliges Gefühl überkommt mich, denn das eine ist, mit dem Kopf zu verstehen und das andere mit dem Herzen. Ja, das habe ich vermisst... Nach einer Weile ertappe ich mich beim Gedanken, dass die Lieder, die ich im Radio höre, vieles gemeinsam mit den Liedern haben, zu denen ich gerne tanze. Die orientalischen Lieder treffen mich jedes Mal auf´s Neue, auch wenn ich es nicht will..


Automatisch fange ich an, beides zu vergleichen. Der Zugang zu den russischen Liedern ist mir offen, die Sprache, die Akzentuierung der Wörter oder der Silben, Atempausen, die versteckten Spielchen, Sarkasmus oder die Anspielungen, die nur die Russen verstehen können. All das, was mir hier so vertraut ist, ist in den arabischen Liedern fremd, auch wenn ich sie so liebe. Öfters habe ich mir beim Übersetzten der Lieder von einem arabischen Koch anhören müssen "das ist das und das aber es heißt nicht das, sondern hm... so wie... hm..." bis er es irgendwann für den Tanz einer Europäerin für unnötig hielt und aufgab. Was eigentlich verständlich ist. Ich habe schon öfters versucht, meinen deutschen Freundinnen unseren Aberglauben zu erklären. Es funktioniert nicht. Und ich denke, mit der Essenz des Orientalischen Tanzes verhält es sich genau so.
Wir übersetzen die Lieder für uns, geben dann aber auch bewusst oder unbewusst diese Übersetzung durch übertriebene und öfters europäische Gestik und Mimik an den Zuschauer weiter. Das ist meist auch europäisch und versteht die Lieder genau so wenig wie wir, und wird nur von der Gesamtwirkung beeindruckt. Die Orientalen würden in uns auch mit der gelernten orientalischen Gestik dennoch einen "Touristen" im Tanz sehen. Also warum das Ganze? Warum geben wir uns nicht mit der Interpretation der Musik, der Melodie, der Stimmlage, der Intonation, die genau das Gefühl unterstützen, zufrieden? 
Die Gedanken schweifen zum Workshop heute morgen. Thema - Klassisches Lied. Schöne Choreo a la Tito mit verschiedenen Levels der Energie vom Meister selbst ausgeführt. EINE EINZIGE Gestik setzte er in die Choreo ein. Shimmy, mit Hand auf´s Herz zusammen sinken... Während er jedoch tanzte, kamen ein Paar weitere hinzu. DOCH nicht wie wir uns das als Schüler wünschten. Er setze die Gestik ein oder eher sie kam aus ihm raus, je nach dem, was er gerade FÜHLTE. War der Schmerz seines Herzens, Ergebnis einer Verletzung und damit Beschuldigung als Aussage, änderte sich seine gesamte Tanzenergie und er zeigte auf die imaginäre Person. War die Aussage nur der Schmerz und damit er selbst als verletze Person, rückte er sich selbst als Opfer ins Vordergrund und änderte dazu die Gestik. "Man kann nicht zwei Mal in den gleichen Fluss steigen" (griech. Philosoph Heraklit), so kann man auch ein Lied nicht mit dem gleichen Gefühl zwei Mal tanzen. Und damit ist es auch absurd die Gestik zu choreographieren oder zu planen. Um es so authentisch einsetzen zu können wie Tito, sind wir in der "falschen" Kultur geboren worden. Auch wenn man die Sprache kennt, Lieder und Übersetzung auswendig lernt, schafft man nicht aus dem Bauch heraus es in DEM richtigen Moment authentisch (doppelgemoppelt - ich weiß) einzusetzen. Und die Schlüsselwörter. Gut sie zu kennen, aber manchmal hat man das Gefühl, dass die Tänzerin sich von einem Punk bis zum anderen zu bewegen scheint, wie von einer Haltestelle zu der nächsten, ohne auf die Verkehrsmitteln zu achten. Ist vielleicht das "Zeigen-wollen", dass man´s versteht, eine Übertreibung? Genau wie das weiße Auto mit 295 PS, was gerade wieder 40 km/h fährt...
Doch um die Widersprüchlichkeit des Ganzen zu betonen, kann man auch die Sicht auf das Auto wechseln? Man kann es auch so sehen - beschäftigen wir uns doch mit der Sprache, den Übersetzungen, der Gestik und all dem, was uns wichtig erscheint (also die 295 PS). Doch beim Auftritt fährt man dann nur 40 km/h, auch wenn´s schwer fällt. Konzentriert auf das, was allen Menschen zugänglich ist - auf die Musik. Interpretiert ihre Höhen und Tiefen der Melodie, die Gefühle und die Stolpersteine. Und wenn es einen durchdringt, durchströmt, durcheinander bringt und vor allem den Kopf ausschaltet, um dann nach außen zu strömen, wie ein Vulkan an Emotionen und all der Gestik und Mimik die damit zusammen hängt raus holt... in dem Moment bekommt alles, was man für unnötig oder noch zu früh oder noch nicht reif genug gehalten hat einen Sinn und die Geduld wird belohnt... Die nächste Frage, die aufkommt ist dann, hat man diese Geduld? 
Ich werde aus meinen Gedanken, durch lautes "Huppen..." von allen Seiten, herausgerissen und durch die (zu) hohe Geschwindigkeit in den Sitz gedrückt. Mein Fahrer lacht, "siehst du, dafür sind die 295 PS da"...



Freitag, 9. Januar 2015

Glaube an das Unglaubliche

Anastasya Korobova ist erst 11 Jahre alt, lebt in Russland, ist zierlich, schüchtern und scheint ein ganz normales Mädchen zu sein. Doch wenn die Musik erklingt, und Anastasya beginnt zu tanzen, bleibt dem Zuschauer der Atem weg und die Tatsache, dass das, was man sieht, real ist, ist so unglaublich, dass man es sehen muss, um es zu glauben. Zu ihren Referenzen gehören mittlerweile Engagements auf den besten Festivals im Ausland, mit ihr arbeiten die berühmtesten Choreographen (wie Natalia Fadda, Azad Kaan, Nadia Nikishenko u.a.) und sie zählt über zwei Hundert Goldmedaillen und Pokale. Diese Popularität hat das Mädchen ihrer perfekten Plastizität und Technik, wunderschönen und anspruchsvollen Choreographien, aber auch deren Verständnis und deren eigenartige Umsetzung und natürlich auch den Emotionen, die denen eines Erwachsenen gleichen, zu verdanken. Auf und hinter der Bühne ist ihre Botschaft die Liebe zum Tanz, der Wunsch, Freude zu bringen und der Moment, die Magie und die Schönheit des Tanzes zu fühlen. Ich habe Anastasya zum ersten Mal auf youtube gesehen und habe auch zuerst meinen Augen nicht getraut. Ein Jahr später traf ich sie auf einer Tanzreise in Istanbul und konnte nicht widerstehen, diesem Mädchen meine Begeisterung auszusprechen und sie kennen zu lernen. Aus dem Kennenlernen wurde Freundschaft. Wir trafen uns auf Festivals, facebook, scype und im Mai kam sie schließlich mit ihrer Mutter nach Deutschland zu dem „MartaInGermany“-Event. Im August waren meine Tochter und ich zu Gast bei ihnen in Nischni Nowgorod und lernten auch deren Alltag kennen. Weil es immer wieder kritische Diskussionen um sie, ihren Tanz und alles drum herum gibt, habe ich Fragen gesammelt (an dieser Stelle ein Dankeschön an Anna-Lena Tylle (Studentin der Sozialpädagogik.), Mela Malaica, Susanne Hilse „Bellydance-Dreams“ und Kinder aus meinen Kindergruppen), und Anastasya und ihre Mutter Swetlana haben diese gerne beantwortet. Mit diesem Interview hoffe ich einige Fragen aus der Welt zu schaffen und damit die vorher geäußerte Kritik zu mildern und vielleicht ein Paar neue Fans anzusprechen. Anastasya ist noch ein Kind und tanzt weder wegen Ruhm noch wegen Geld. Sie tanzt aus dem Grund, aus dem jede von uns mal angefangen hat zu tanzen - aus Begeisterung und Liebe...


Swetlana, Anastasya tanzt seit ihrem dritten Lebensjahr, wie hat alles angefangen? Und wer ist oder war ihr prägender Lehrer?
Swetlana (schmunzelt): ich habe selbst getanzt und Anastasya war seit ihrem zweiten Lebensjahr immer mit mir zum Unterricht. Mit drei fing Sie selbst an zu tanzen und war eines der wenigen Kinder der Schule, jetzt haben wir über hundert. Mit vier präsentierte sie die Schule auf der Bühne. Kristina Shishkina ist ihre erste Lehrerin. Bei ihr trainiert Anastasya bis heute Bellydance und Standard & Latein Tanz.

Anastasya, auf der Bühne sehen wir eine grandiose Leistung und, weil die meisten der Leser auch selbst tanzen, wissen wir wie viel Training das erfordert... Wie oft und wie trainierst du in der Woche? Machst du noch andere Sportarten? Und was machst du in deiner Freizeit?
Anastasya: Ich trainiere durchschnittlich 1,5 Stunden pro Tag. Zu meinem Training gehören neben dem Tanztraining auch Standard Tanzen, das Schwimmen, Balletttraining an der Stange. In meiner Freizeit treffe ich meine Freundinnen und unternehme irgendwas. Im Sommer fahre sehr gerne zum Meer...


Wenn Du reist, bekommst du auch die Städte zu sehen?
Anastasya: Ja. Ich liebe Reisen, durch die Städte zu bummeln, mir alles anschauen zu können und zu shoppen.

Fürst du ein Tagebuch oder Album mit Erlebnissen?
Anastasya: Ein Tagebuch

Was hat dich zum Tanz inspiriert?

Anastasya: Ich liebe die Musik, die Bewegungen, und die Art und Weise wie beides zusammen kommt...
Wer war dein prägender Lehrer?
 Hast du Vorbilder?
Anastasya: Meine Lehrerin Kristina... weil ich bei ihr seit meinem 3. Lebensjahr bin und sie mir sehr viel beigebracht hat. Sie trainiert mich und begleitet mich zu den Meisterschaften. Die Choreographien machen wir bei verschiedenen namhaften Choreographen (Azad Kaan, Natalia Fadda, Olga Nur, Nadia Nikishenko..) aber diese auszuarbeiten, ist die Arbeit unserer Kristina...
Delanna: Wer kreiert und näht Anastasyas Kostüme?
Swetlana: Wir haben unsere Näherin, und zusammen realisieren wir meine Ideen...

Viele staunen, wie Anastasya das alles unter einen Hut bekommt? Wie lässt sich das in so jungen Jahren alles vereinbaren, ohne das irgendwas auf der Strecke bleibt? Schule, Freunde, Training, Auftritte usw. Wie gehen du und Anastasya mit der Schulbelastung und den Reisen in andere Länder bzw. innerhalb des eigenen Landes zu Festivals/Wettbewerben/Shows etc. um?
Swetlana: Wir haben eine klare Organisation für die Schule, Tanzen und Erholung. Man braucht nur den Willen...und Belastung... Wir fahren auf die Meisterschaften seit 5 Jahren, die Belastung kam nach und nach und wir sind mit ihr auch gewachsen, deswegen empfinden wir selbst das als Routine und keine Belastung.
Delanna: Anastasya, mit deinen 11 Jahren hast du schon sehr viel, wovon Mädchen in deinem Alter nur Träumen können. Sehr viele Beobachter interessiert, was du noch erreichen möchtest.
Anastasya (versinkt kurz in Gedanken): Ich möchte einfach weiter tanzen.

Fangfrage:) wo siehst du dich in 5 Jahren? Und willst du, wenn du älter bist, beruflich Tanzen?
Anastasya: Als Trainer in einer großen Tanzschule (lacht). Und erzählt strahlend, passend zum Thema, ihr großes aktuelles Ereignis. Vor ein Paar Wochen hat sie einem Mädchen eine eigene Choreographie beigebracht... Oh, nein, kein Tanz-Beruf. Ich wünsche mir, dass das Tanzen mein Hobby bleibt.

Swetlana, wie stehst du dazu, dass der Bauchtanz doch ein eher weiblicher und erotischer Tanz und Anastasya noch ein Kind ist?
Swetlana: In unserer Mentalität gehört zu einer guten Allgemeinbildung neben der schulischen Lehre auch die Lehre der schönen Künste. Dazu gehört auch das Tanzen. Anastasya tanzt den Orientalischen-Bühnen-Tanz... In erster Linie sehe ich die Schönheit des Tanzes, seine Grazie, die Eleganz und Emotionen, die positiven Auswirkungen auf mein Kind. Es geht um den Charakter des Tanzes und das „WIE“ er getanzt wird. Man kann jeder Tanzrichtung einen erotischen Charakter geben... Ich habe eine TOCHTER, sie wächst irgendwann zu einer Frau, die Weiblichkeit ist ihr quasi in die Wiege gelegt worden. Wir hätten diese Tatsache natürlich auch in einem Sport wie Karate verstecken können (lacht), aber die Wahl fiel auf den Tanz… Im Training geht es um die Darstellung des Tanzes, die Positionierung des Körpers, um Verdecken der erotischen „Teile“... Schauen Sie sich im Ballett die zweite Position und all die Drehungen, Sprünge mit einem Knie auswärts an oder rhythmische Gymnastik mit nackten Beinen und anliegenden Bodys an... wo ist mehr Erotik? Und dass der Orientalische Tanz leider diesem Verruf unterliegt, werde weder ich noch eine andere Mutter ändern können.

Was meinst du, was lernt deine Tochter durch den Orientalischen Tanz?
Swetlana: Die Darstellung oder die Präsentation, Benehmen ;), Disziplin, Ausdauer, Selbstbewusstsein (gerade in Russland sehr wichtig), Weltoffenheit.

Swetlana, was machst du, wenn Anastasya von einem Tag auf den anderen entscheiden würde nicht mehr zu tanzen?
Swetlana: Im Moment ist Anastasya verliebt in den Tanz und ich liebe ihre Leidenschaft mit und unterstütze sie soweit es geht. Sollte es zu dieser Entscheidung kommen, werde ich es akzeptieren...
Aber wie schon erwähnt, das ist ein Teil der Allgemeinbildung. Wir investieren in die Entwicklung des Kindes ALLES - Zeit, Geduld und Geld. Das Ziel dabei ist, dem Kind alle Möglichkeiten zu öffnen, was es daraus für sein späteres Leben gebrauchen wird, wird sich noch zeigen...




Wie gehst du mit Kritik um?
Swetlana: Dazu fällt mir ein Zitat von Mohamed Ali ein: „wenn man im Recht ist, erinnert sich niemand dran. Wenn man im Unrecht ist, vergisst es niemand“. Wir verfolgen unsere Ziele, Träume und Visionen. Und wenn man so präsent in der Öffentlichkeit steht, wie Anastasya, dann muss man auch mit Kritik rechnen. Aber Kritik und Wertung sind zwei Paar Schuhe... Anastasya tanzt nicht um zu gefallen, sie tanzt, weil es ihre Begabung und Leidenschaft ist...

Passiert manchmal, dass Anastasya keine Lust auf Training hat?
Swetlana: Nein.

Was hältst du von der europäischen Szene:
Swetlana: Alle Kinder fühlen sich zum Tanz hingezogen, ich sehe auf jeder Competition den gleichen Durst nach dem Tanz, die gleiche Begeisterung der Kinder. Für die Ergebnisse, die die russischen Kinder erzielen, fehlt noch, denke ich, die Ausdauer und die Verbissenheit oder vielleicht auch der Einsatz der Eltern.

An dieser Stelle ein kleiner Einblick in die Wettbewerbsstruktur in Russland.
Swetlana: Das ist ähnlich wie bei dem latein-amerikanischen, man sammelt Punkte und wächst so von einer „Stufe“ in die nächste. Das erfordert eine reguläre und geduldige Teilnahme an den Meisterschaften und verbessert die Fähigkeiten und die Qualität. Man braucht mind. drei Jahre, um von der Anfängerstufe in die höchste Stufe aufzusteigen. Durchschnittlich sind mind. 6 Wettbewerbe pro Jahr bis 4 pro Monat... Wenn man sich für den Weg des Wettbewerbes entscheidet, spielen die einzelnen Plätze nicht so eine große Rolle, die Gesamtentwicklung ist wichtig und wird „belohnt“.

Abschließend Motivation für Kinder und Eltern
Swetlana: Den Kindern wünsche ich Mut und Neugierde um sich in verschieden Sphären auszuprobieren.

Und für die Eltern - Standpunkt wechseln, zumindest offen sein, flexibler gegenüber dem Neuen und Unbekannten und manchmal dem Unmöglichen sein!


Zum Unmöglichen auch ein Zitat von Mohammed Ali:
„Unmöglich – das ist nur ein sehr lautes Wort, hinter dem sich kleine Leute verstecken. Für sie ist es einfacher in einem im gewohnten Umfeld zu leben, als die Kraft zu finden etwas zu verändern. Unmöglich – ist kein Faktum. Das ist nur eine Meinung. Unmöglich – ist kein Urteil. Es ist ein Aufruf. Unmöglich – ist eine Chance sich selbst zu verwirklichen. Unmöglich – ist nicht für immer. Unmöglich ist möglich.“





Anastasya live in Deutschland am 31.05.2014 bei TOTAL ORIENTAL in Nürnberg und am 07.06.2014 bei "360° ORIENT" in Osnabrück.

Interview für HALIMA 2. Quartal 2014


Samstag, 8. März 2014

10 Gründe für Kind und Tanz

Zuerst möchte ich darauf hinweisen, dass es sich hierbei um persönliche Erfahrung handelt. Die Entscheidung, Kinder zu haben oder nicht, bestimmt nicht über den Wert der Frau oder ihr Charakter. Diese Entscheidung ist jedem selbst überlassen und wird auch seine Gründe haben. Aus der Sicht einer Mutter kann ich jetzt sagen, dass allein die Aussage „man muss sich zwischen Kind und Karriere oder dem Tanz entscheiden“ nicht gestellt werden darf. Man kann sich für die eine oder die andere Haarfarbe, Kleidungsstück, Musik, Lehrer, Arbeitsstelle, sogar Mann entscheiden, aber man kann schlecht Karriere mit einem Kind vergleichen bzw. das eine von dem anderen abhängig machen. Es führt nur zum Unglücklichsein. Denn kein Kind wünscht sich, dass seine Mutter für ihn etwas aufgibt. Und solange deine Kariere glänzt und schimmert, weißt du nicht, ob sie alleine dich in der Zukunft glücklich machen wird. Auch wenn du in deiner Karriere etwas erschaffst - Kunst, Tanz, Mode, Musik, Gebäude - es sind Werke. Mit einem Kind erschaffst du LEBEN. Die Karriere und der Erfolg können sich in Geld, Applaus, Aufmerksamkeit, Liebe äußern, doch niemals wird dein Werk zu dir sprechen, dir Fragen stellen, dich nachahmen, dich ärgern und dich lieben, und zwar permanent, ohne dass du das einfach lassen kannst und ein anderes, besseres Werk schaffst... Mit Kind erfährst du das alte neu – Disziplin, Ordnung, Organisation, Müdigkeit, ABER alles in einer anderen Dimension. Stell dir die Frage: „will ich ein Kind, will ich eine Mutter sein?“. Aber mach das nicht vom Tanz oder deiner Kariere abhängig. Du wirst mit Müdigkeit, Bakterien und Viren, schlechtem Gewissen gegenüber dem Tanz und gegenüber dem Kind zu kämpfen haben, aber auch Zwangspausen, neue Energie, das Loslassen und Akzeptieren, die Weiblichkeit und Mutterglück kennen lernen und die ganze (Tanz-) Welt mit anderen Augen sehen. Du wirst weinen und du wirst lachen und wenn du beides wirklich willst, wirst du es auch schaffen!*

I. Tanzen und Baby.... (0-3 Jahre). Ab dem 3. Lebensjahr wird ALLES einfacher :) aber bis dahin.....



Phase 2: die höchste Freude
Nichts auf dieser Welt kann mit dem Moment der Freude verglichen werden, wenn du das Kind zum ersten Mal schreien hörst. NICHTS. Es ist einmalig, die Welt bleibt stehen, die Zeit ist eingefroren – DU hast ein Leben erschaffen. Ein noch kleines, hilfloses Wesen wird dir auf die Brust gelegt. Klitzekleine Finger umarmen deinen Zeigerfinger, du hörst das kleine Herz schlagen und spürst die Wärme. DU hast ein neues Leben erschaffen. Es ist der Moment, wo es kein gestern mehr gibt und noch kein morgen. Als ob eine Glocke über das Bett mit dir und dem Baby und deinem Partner gelegt wurde – Freude. Menschliche, doch irgendwie höhere. Freude mit Körper, Herz, Seele und Verstand.

Phase 1: die schlimmsten Schmerzen
Die Wehen – gehören einfach dazu... und auch wenn du am nächsten Tag oder in den nächsten Wochen nichts vom zweiten Kind hören willst, wirst du spätestens nach einem Jahr sich nur dunkel daran erinnern.

Phase 3: die scheinbare Nichtexistenz und völlige Hilfslosigkeit
In den ersten Wochen wird das ganze Leben von heute auf Morgen umgestellt. Egal wie gut du dich darauf vorbereitest, es funktioniert nicht. Es dreht sich alles nur um das Kleine: stillen, wiegen, Windeln wechseln, stillen, wiegen, Windeln wechseln... zur Abwechslung Baden, rätseln, warum es schreit. Schlafen und duschen werden zum Luxus. Das Gefühl, eine Milchproduktionsmaschine zu sein, ist der Realität ganz nah. Dein Wortschatz bekommt neue Vokabeln wie Milchpumpe, Sterilisator, Brusteinlagen, Still-BH... Es ist die Zeit, in der die Gedanken, jemals wieder Tanzen zu können, ganz weit weg sind. Die Faszination für das kleine Wesen ist unbeschreiblich - die ersten Laute, die unkoordinierten Bewegungen, das zahnlose Lächeln machen die schlaflosen Nächte wieder gut... PS: glaube nicht der idyllischen Werbung von Nivea und Co... wo sowohl schwangere als auch Mütter immer scheinen glücklich, ausgeruht und perfekt zu sein – das ist absolut gelogen.

Phase 4: es gibt eine Welt außerhalb der Bauchtanzszene
und diese lernst du bei Rückbildungsgymnastik, Babymassage, Pekip, Babyschwimmen und Müttertreffen lernen... Im schlimmsten Fall unterscheiden sich beide kaum voneinander, denn nicht nur andere Tänzerinnen, sondern auch andere Muttis scheinen alles perfekt hinzubekommen, sie strahlen und freuen sich unglaublich über die Gespräche über die Farbe der „Kinder-Kaka“... Auch ihre Sprösslinge scheinen perfekt erzogen zu sein... (falls du in diese Perfekte-Mamis Frustration kommst, empfehle ich dir die Buchreihe „die Muttermafia“)

Phase 5: SCHRECK
"Der Bauchmuskel ist weg". Die Muskelbeherrschung ist lahm gelegt. Statt eines muskulösen Bauches hast du eine Schicht Gewebe hängen. Dazu ist der gerade Bauchmuskel zur Seite gedrückt - Rektus-Diastase. Panik! Aber nur kurz. Wende dich an Frauenarzt und Hebamme. Ich hatte Glück, beide waren von meinem „Beruf“ fasziniert und haben das Problem und meine Sorgen ernst genommen. Mit ein Paar Übungen und etwas Schmerzen kriegt man den Muskel (fast) wieder zusammen. Und weil dein Körper sich an die Fähigkeiten wie z.B. Bauchwelle zu machen erinnern kann, kriegst du das mit etwas Training auch wieder hin und entdeckst vielleicht auch ein Paar neue Muskeln...

Phase 6: Organisation, vorausschauendes Handeln und Verlagerung des Fokus von „ICH“ auf „DU“:
Du lernst, dass für EIN Tanz-Wochenende du ZWEI Wochen lang Milch abpumpen und einfrieren und den halben Haushalt zu Großeltern bringen musst, damit du ruhig sein kannst. Und dass du während des Wochenendes weiter abpumpen, damit du kein Milchstau bekommst, und danach mindestens einen Tag lang schreiendes Kind ertragen musst, da die Milch wegen der körperlichen Anstrengung zum Teil verbrannt ist... Der Handy-Akku hält nicht so lange, wenn du alle 30 min anrufst, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei... Du lernst deine Essgewohnheiten nach dem Kind zu orientieren, verzichtest, geduldest... oder erträgst die Konsequenzen.

Phase 7: Loslassen, akzeptieren, vertrauen
Du erfährst, wie das erste Festival, nachdem du das Kind untergebracht hast, unerträglich und langweilig ist, weil deine Gedanken ständig bei dem Kleinen sind und dein Herz Sehnsucht danach hat. Nach dem dritten Festival lernst du den Menschen (die auf dein Kind aufpassen) zu vertrauen und die Zeit für dich selbst zu genießen.
Wenn du vorher das Private und die Bühne gut trennen konntest, dann könnte es passieren, dass harte Proben auf dich zukommen und du über dich hinaus wächst, weil du vor einer Show vom Partner mit der Nachricht angerufen wirst, dass das Kleine in die Notaufnahme muss, weil es bricht. Dein Herz zerreißt, aber leider bist du 1000 von Kilometern weit weg und musst in einer Stunde auf der Bühne glänzen und lachen und das Glück „verkaufen“ und wieder lernen auf andere zu vertrauen. Glaube mir, spätestens in solchen Augenblicken wirst du die Szene und die Gespräche/ Probleme ganz schön oberflächlich finden... Gewöhne dich dran.

Phase 8: Zeit

In den ersten Jahren, solange die Entwicklung des Kindes rasant ist, nimmst du die Zeit anders war. Du lernst, dass ein Tag, wenn das Kind bei Großeltern ist, 48 Stunden lang ist. Ein Jahr dagegen ganz kurz. Denn es passen 4 mal Bronchitis, 12-14 Infekte, die ersten Schritte, die ersten Worte, die ersten Ansprüche, das erste „Mama, ich habe dich so lieb!“ rein. Und die Begeisterung. Begeisterung für die kleinsten Dinge, für den Schnee, der evtl. im ersten Jahr des Wahrnehmens als weißer Regen durchgehen muss... für Fliegen, für Wind, die Sonne... Geräusche, die Musik...
Dir wird bewusst, wie viel ein Augenblick Wert ist, und dass Verschieben auf Morgen ganz böse enden kann. Denn, wenn du das Kleine zwischen 8 und 14 Monaten noch ruhig auf dem Schoß sitzen hast, läuft es dir schon mit spätestens 16 Monaten davon und will auf gar keinen Fall mehr auf dein Schoß (außer es ist krank oder müde). Will es mit 2, dass du singst und bis zum Einschlafen da bleibst, so will es vielleicht mit 2,5 im eigenen Bett, alleine und ganz selbständig einschlafen...

Phase 9: die Lernphasen in Stichpunkten ;)

  • wenn du dachtest, dass du viele Schuhe hast, so wirst du erfahren, dass zwischen 2. und 3. Lebensjahr die Schuhauswahl deines Kindes evtl. größer ist als die deine...
  • dass man ein Kostüm-BH auch auf dem Kopf tragen kann, und es passt
  • es kennt all deine Lieder und die Accessoires dazu, ab jetzt brauchst du alles doppelt. Während du dich schminkst, fragt es dich, ob du jetzt arbeiten=tanzen gehst und ob du mit Stock oder Schleier tanzt
  • Die Begeisterung, die in den Ratgebern unter „sieh die Welt mit Kindesaugen“ bezeichnet wird, wird dir geschenkt, und das über Jahre.
  • Du lernst Disziplin, Verantwortung, Multitasking und gestaffeltes Denken und Müdigkeit in einer anderen Dimension...
  • Du lernst spontan zu handeln, weil die Pläne nichts mehr taugen. Dass du evtl. deinen Kurs auf dem Weg zum Unterricht planen musst und die Choreographien nicht mehr so ausgearbeitet werden können, wie vorher
  • du lernst, dass die Kindersperren gar nichts taugen und deine Fotos mit Stars und Freunden schnell im Mühleimer landen. Dass die Lautstärke regulieren sehr spannend ist, dass das Kleine eigenständigen Geschmack, was Videos und Musik angeht, hat und du dich nicht einmischen darfst.
  • Du erfährst, dass du zu unmöglichen Dingern fähig bist... Denn wenn du vorher geschafft hast zu arbeiten, dann schaffst du jetzt zu arbeiten, windeln zu wechseln, gesund zu kochen, morgens den Kinderratgeber zu lesen und abends die Spielzeuge zu reparieren. Mit Kind auf dem Arm Choreos auszudenken und sich wundern, wenn das Kind irgendwann mal deine Musik anmacht und sagt: „Tanz Mama!“
  • Mit Kind gehst du über die Grenzen, die du dir gar nicht ausmalen kannst, du wächst, bekommst Flügel, fällst tief und stehst wieder auf. Musst du auch. Denn jeden Morgen ist jemand da, der dir auf die Nase drückt und mit einem breiten Lächeln sagt: „Mama, bin wach, lass uns spielen!“
  • Weiblichkeit
  • Du lernst eine selbstlose Liebe kennen, den dein Kind sucht dich nicht aus, es kennt dich nicht, aber es liebt dich

10. Das Fazit (mein facebook-Posting vom 8. November 2011 – aber immer noch aktuell): Kinder lassen uns auf dem Boden bleiben... Wenn du um 6 Uhr morgens, nach nur drei Stunden Schlaf und vier beeindruckenden und erfolgreichen Tagen auf den Festivals mit einem „Mama! Njam, Njam (will Essen) und einem breiten Lächeln geweckt wirst, dann wird die Erinnerung an den Applaus ganz schnell in den Schatten gestellt! Und das Beste ist, dass diesem kleinen Wesen es egal ist, ob du Augenringe hast oder toll geschminkt bist, es liebt dich so oder so...

11. Ein ganz realer ARBEITSTAG mit Baby/ Kleinkind:
  • 5:00 Uhr die Kleine ist wach
  • 5:30 Uhr bin ich auch endlich wach, nachdem ich bis 01:00 Uhr gekocht und gefacebookt habe
  • 5:30-7:30 Uhr duschen x 2, anziehen x 2, Brot für die Krippe schmieren, dabei selbst ein Joghurt essen.
  • 8.15 endlich raus aus dem Haus, da die Kleine noch Pipi musste und der Tiger statt den Bären mit sollte, weil der Bär ja schon gestern mit war
  • 8:45 durchatmen und fragen, was steht an... Los geht’s
  • Bank
  • 1 Stunde bei Mc Mails beantworten und Latte genießen, weil der nächste Termin um eine Stunde verschoben wurde
  • Näherin aufsuchen, um das nächste Kostüm zu bestellen
  • Beim Finanzamt die Unterlagen 2 min vor Schluss abgeben (so viel Glück hat man aber nur selten)
  • auf dem gesamten Weg mit der Freundin wegen der nächsten Veranstaltung telefonieren
  • Sonnenstudio
  • 13.00 Uhr mit der Begrüßung „Mama ist da!“ wieder in die Mama-Rolle schlüpfen, nach Hause fahren, Fragen stellen und beantworten...
  • während die Kleine Mittagschlaf macht, „Mittagessen“ und Büro machen, für die Kurse sammeln
  • 14.35 Uhr SMS von Babysitterin, dass sie ihren Bus verpasst hat. Panik, da die Tanzproben mit Kids um 15 Uhr starten... Kind wecken, anziehen, ins Auto packen, auf dem Weg Babysitterin Bescheid geben, dass sie die Kleine vom Studio abholen und dann mit dem Bus nach Hause fahren soll (ungeplanter Spaß für die Kleine, da sie das Busfahren liebt)
  • 15.00-20.00 Uhr Kurse, Proben...
  • 20.30 wieder zu Hause, vorlesen, erzählen, schlafen legen. Über den Sinn des Lebens nachdenken und wenn Du nicht eingeschlafen bist, dann bis 24 Uhr Wäsche machen, Haushalt, dem Tiger die Pfote annähen (hat den Besuch in der Krippe nicht überstanden) oder Steinchen an Kostüm nähen
  • irgendwann mal schlafen gehen, vorher nach dem kleinen Wesen horchen, über die Haare streichen und mit einem Lächeln den ganzen Stress vergessen... und am nächsten Morgen weitermachen


II. Tanzen und Kindergarten-Kind

folgt....


* warum ich das weiß: mit dem 8-wöchigen Baby habe ich meine Kurse wieder aufgenommen, mit 10 Wochen startete die jom-Ausbildung, mit 12 Wochen waren wir auf dem ersten Auslandsfestival, mit 16 Monaten erhielt ich den 2. Platz „Cairo by Night“ in Stockholm, mit 22 Monaten schloss ich die jom-dance Ausbildung ab, mit 27 Monaten holte ich den Titel der deutschen Meisterin, mit 28 Monaten den 1. Platz beim RaksSharki Wettbewerb im St. Petersburg, mit 29 Monaten Teilnahme an Bellydance Evolution, mit 30 Monaten eigenes Festival zum ersten Mal mit ausländischen Stargästen...
mit 3 Jahren und 9 Monaten denke ich über das zweite Kind nach, denn ich merke, ich werde wieder langsam faul :D 

Freitag, 14. Februar 2014

Eine Kurzgeschichte über die Liebe oder ein Provinzmädchen entdeckt für sich die Großstadt

Eine Frau. Ein Mann. Liebe. Heirat. Kind. Job. Ausland. Karriere. Trennung. Keine übliche Trennung. Eine Trennung wegen Job. Eine Wochenendehe. Er ist in der Woche dort, sie ist in der Woche hier, er ist am Wochenende hier und sie ist irgendwo. Trefferquote - jedes dritte Wochenende. Zwei Leben neben einander. Verbunden und doch getrennt. Und dann noch dieses „dort“ als Großstadt. Nicht nur dass er nicht hier ist, er ist in der Großstadt. Eine Großstadt, die glänzt und strahlt, die ruft und ihre unheimliche turbulente Bahn zieht. Dort war er also. Und sie hier, in einer (verglichen mit der Großstadt) Provinz, mit ihrer Routine, ihrem Alltag, dem Kind, ihrem Job und all den erfüllten und unerfüllten Träumen. Eigentlich hier und in Gedanken dort... Schmerz. Die Großstadt war schuld. Sie war es, die über Jahre zu einer Rivalin wurde. Sie musste kennen gelernt werden oder der Hass würde ihr Herz auffressen...

Furchterregende, wunderschöne und mächtige Großstadt kennenlernen war das Ziel, als das Flugzeug in Scheremetjevo landete. Massen. Massen von Autos, Menschen und Werbeschildern. Die Werbung blinkt, die Ohrringe glänzen, nur die Autos, die sind einfach nur schmutzig... Lärm vom Verkehr, Lärm von der Menschenmenge... So laut und doch so ganz leise. Jeder folgt seiner eigenen Richtung. Jeder.

Das erste Treffen verlief ohne Erwartungen und ohne Vorurteile. Sehen was geht. Fühlen was ist und dieser unheimlichen Großstadt näher kommen.

Als der Flieger zum zweiten Mal in Scheremetjevo landete, hatte sie ein paar Ziele im Kopf. Horizont erweitern, sich trauen. Mit der Großstadt sich anvertrauen. Der Glanz war nicht mehr so schrill, der Lärm nicht mehr so laut.

Beim dritten Mal hatte sie (wie zuhause) eine ToDo Liste mit und wachte während der rush hour in der Metro von der europäischen Gemütlichkeit auf. Von einer Sekunde auf die andere. Aufmerksam sein. Schnell reagieren. Nicht nachgeben. Nicht aufgeben. Während dieser Reise entdeckte sie, dass auch diese Großstadt ein Herz hat. Und ein freundliches Lächeln, Enthusiasmus, leichte Naivität und Sturheit. Und dass etwas Geld das härteste Eis zum schmelzen bringen kann.
Die Menschen bekamen Farbe. Die Straßen begannen Melodien zu summen... In einer Großstadt entdeckte sie eine Routine, einen Alltag, ein Familienleben. Sie war nicht mehr fremd. Sie nicht der Stadt und die Stadt nicht ihr gegenüber. Er nicht ihr. Und sie nicht ihm. Freundschaft. Liebe. Familie. Großstadt. Zukunft.


Freitag, 13. Dezember 2013

10 Gedanken von Raksan


Raksan aus Berlin ist für mich eine Ausnahmekünstlerin und so habe ich mit ihr auch ein „etwas anderes“ Interview geführt. Passend dazu zuerst ein Paar eigene Gedanken zum Thema Improvisation.
Improvisation... war mein persönlicher Start mit dem Tanz. Fünfzehn Minuten, eine Box, Musik von Mickie Krause über Black bis Techno. Fünfzehn Minuten ununterbrochener Bewegung, guter Laune und Strahlen. Die Atmosphäre aufnehmen, sich auf die Musik einlassen. Noch keine Kunst, aber es war Tanzen....
Mit der Orientalischen Szene in Berührung gekommen, lernte ich Choreographien kennen, eine Menge Choreographien. Heute bin ich wieder auf der Suche nach dem Glück des Anfangs, das irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Für den Tanz. Ich dachte es läge an mir, hab mir Tänze machen lassen, nix... ich spüre den Tanz nicht... ich möchte aber zurück zu dem Gefühl, mit dem ich mal vertraut war. Wenn ich Woche für Woche auf Festivals bin, sehne ich mich danach, endlich wieder im Restaurant zu tanzen, mit meinem Tanz zu kommunizieren, zu improvisieren, ich sein zu dürfen - auf der Bühne gelingt mir das nicht mehr. Zu viel Respekt wurde mir beigebracht. Doch was heißt eigentlich Respekt vor der Bühne oder vor dem Tanz zu haben? Verliere ich ihn tatsächlich, bin ich nicht mehr professionell, wenn ich meine Raumwege und Kombis, Eingang und Ausgang, den introvertierten und extrovertierten Moment nicht genauestens und unwiderruflich bis ins Detail festlege und sogar den Ausdruck plane und an den richtigen Stellen "einbaue"?
Aktuell, auf meinem letzten Festival sprach Khaled Mahmoud zu uns ehrgeizigen und zielstrebigen, tanzen wollenden Seminarteilnehmerinnen über die Schönheit des Orientalischen Tanzes. Es herrschte Stille. Wie Mäuse waren alle. Konzentriert. Es folgte ein lauter Applaus und "Bravo" Zurufe und später, auf der Bühne, tanzte dann doch jede eine Choreographie und fragte hinterher nach dem Feedback...
Neben meiner eigenen Suche nach einem Ausweg aus dem Kreislauf geht es mir auch um meine Schüler. Ich bin auf der Suche, aber ich kenne das Gefühl des völligen Auflösens und Aufgehens in der Musik und wenn ich es wieder finde, dann habe ich auch meinen Weg zu schätzen. Aber wie bringe ich meinen Schülern etwas bei, was weder greifbar, noch erklärbar, noch anschaulich zu sein scheint? Vor allem in einem Land wie Deutschland, wo alles strukturiert ist, gut erklärbar, nachvollziehbar und logisch sein muss? Und dementsprechend auch die Erwartungen an das Training gestellt werden? Technik ist logisch, Tanzen auch und irgendwie doch nicht. Tanz folgt einer Ordnung, aber ist eben nicht nur nach rechts und links und diagonal... Ich sehe die tänzerische Entwicklung in Phasen und jede trägt zu der "richtigen" Zeit die meisten Früchte. Es gibt Zeit für ägyptischen Stil, die Nostalgie, für Folklore, Zeit für jom, für Bellydance Evolution, für Competitions, für die Improvisation und Raksan.

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit dem Unterrichtstil von Raksan. Am Anfang eine Reaktion der Barriere und Ablehnung. Doch dann holte sie mich mit einer ihrer Methoden ab und die restlichen vier Stunden glichen 20 Minuten. Es war faszinierend, was für ein Händchen sie für jede Teilnehmerin hatte und wie sich jede zu öffnen und zu verändern begann. Etwas ablegte, etwas nahm und etwas gab. Das eine ist, die Menschen zu trainieren, das andere ist, sie zu bewegen! Ich habe nach dieser Erfahrung und der Entwicklung der Frauen, die ich während "Secret Lila" (2012 in Osnabrück,  die Bilder sind Momentaufnahmen der Aufführung) beobachten konnte eine Faszination für Raksan entwickelt, betrachte sie als eine sehr starke Tänzerpersönlichkeit. Entgegen den Trends, Meinungen und Politik der Szene hält sie an dem fest, woran sie glaubt, bleib sich selbst, dem Tanz und ihren Schülern treu, egal was für ein Risiko sie damit eingeht. Dass es in der TAI: TOOLs - Fortbildung, die im März startet, schon jetzt nur noch 1/3 Plätze zu vergeben sind, zeigt, dass tatsächlich viele Tanzlehrerinnen wie ich auf der Suche nach einem Schlüssel, nach einer Fähigkeit und Fertigkeit sind, um auf der Suche nach mehr Freiheit und Emotion im Tanz ein Stückchen weiter zu kommen. Während einer Email-Konversation mit Raksan, hatte ich den spontanen Einfall, ihr "Spiel" umzukehren und ihr die Impulse zum Nachdenken zu geben; schnell hatte ich 10 Gedankensplitter, begonnene Sätze zusammen, die sie weitergeführt hat. Ein gewöhnliches Interview wäre zu einfach :) Und das ist daraus geworden:






Die meisten denken... in unserer „Szene“ noch immer, dass das Improvisieren vor dem heutigen Hintergrund des forcierten Strebens nach einer Professionalisierung des OT in Performance und Unterricht keinen Platz hat. Hartnäckig wird der Begriff des „freien Tanzes“ eher negativ besetzt und mit Beliebigkeit, Zufälligkeit, nicht ausreichend Geübtem assoziiert. Im besten Falle von Darsteller und Publikum vielleicht spontan als unterhaltsam empfunden, aber eben nicht wiederholbar und somit keine Kunst im Sinne von Können. Nur Amateure improvisieren, Profis oder Leute, denen es mit ihrem Hobby ernst ist, widmen sich der Technik, immer spektakuläreren Choreographien.
Ein Missverständnis.
Natürlich ist die orientalische Tanzsprache, traditionell wie modern, eine hoch komplexe Ausdrucksform. Ihre physischen Aspekte, ihr Vokabular gilt es zu verstehen und gegebenenfalls durch Vermischung mit anderen Tanzstilen zu erweitern. Dazu gehört, wie in jeder Kunst das Üben, eine Festigung der technischen Grundlagen, also ein gezieltes Training, um den Körper wie ein Instrument zu stimmen. Aber oft genug mündet ein ausschließlich auf dem Vermitteln von Tanztechnik aufgebauter Unterricht in einer dem Sport ähnlichen und dann in letzter Konsequenz wettbewerbsorientierten, rein leistungs- und ergebnisbezogen Struktur.
Das ist schade, es gibt so viel mehr zu entdecken!
Denn der Zauber des Orientalischen Tanzes entspringt vor allem aus der Fähigkeit eines Tänzers, sich auf das „Jetzt“ einzulassen und zum Katalysator der Stimmung im Raum zu werden, Körperempfinden und Emotion mit Hingabe zu teilen. Ein feines Zusammenspiel zwischen individuellem und kollektivem Empfinden, ganz und gar individuell und doch im Gleichklang. Gelingt dieses, kann ein kommunikatives Energiefeld entstehen, das nicht nur die miteinander Tanzenden, sondern auch die passiv Zuschauenden erfasst und eine starke Faszination ausstrahlt. Das arabische "Tarab", das spanische "Duende"beschreiben diesen Zustand der gesteigerten Wahrnehmung, des Aufgehens im Moment, den berühmten "Musenkuß":
Und alle diese Dinge sind wundersamer Weise ganz unabhängig von einem wie auch immer gelagerten Idealbildern oder Moden, von ästhetischen Schablonen, ein Stück weit spielt sogar die mitgebrachte tänzerische Vorbildung keine Rolle – wenn die innere Haltung und damit die Aussage stimmt, sich ganz eingelassen wird.
Improvisation ist für mich vor allem als Lehrerin DAS Mittel geworden, Technik und Ausdruck, Logos und Seele, persönliche Einzigartigkeit und Tradition zu verbinden. Und das hat so rein gar nichts mit einem „Piep Piep Piep, wir haben uns alle lieb“ oder „ich improvisiere, weil ich mir eh keine Choreographie merken kann“- Dilettantismus zu tun.
Improvisation fördert und fordert: Konzentration, Hingabe, Fokussierung auf Aufgabenstellungen. Schafft Rahmen, setzt Grenzen, verlangt eine Menge Einsatz. Aber dann kommt mit dem „Flow“ und dem spielerischen Verlassen der Komfortzonen ein unerwarteter Genuss, Staunen, verblüffende Kraft und Wucht. Stephen Nachmanowitch sagt in seinem empfehlenswerten Buch „Freeplay“: „Man kann alles auf dreierlei Art und Weise tun: als Kunst, als Handwerk oder als Schinderei“. Impro ist das Erste und das Zweite und wandelt den dritten Punkt in Freude am Üben und Tun. Deswegen steht auf meinen TAI – Ausschreibungen: „offenes Level“. In diesen Klassen herrscht keine Hierarchie, die in Gang gesetzten Prozesse bieten für jede TeilnehmerIn ganz individuelle Anstöße. Orientalischer Tanz als (Alltags)Kunst ist für mich zutiefst demokratisch und die Grenzen zwischen Profis und sogenannten Laien verschwimmen in meinen Klassen zunehmend, definieren sich manchmal ganz neu.

Es gibt nichts...“Gutes, außer man tut es“. Der Gedanke, eine TAI (TanzAusdruckImprovisation) – Fortbildungsreihe für LehrerInnen anzubieten, gärt schon seit längerem. Vor ca.10 Jahren habe ich begonnen, Workshops zum Thema „Impro“ zu geben. Und das Bühnentanzprojekt „Secret Lila“ ist mittlerweile 7 Mal durch Prozess und Aufführung gegangen. Immer wieder bekam ich nach einem TAI-Wochenende oder nach dem Abschluss eines „Lilas“ besonders von den Lehrerinnen unter den Teilnehmenden die Rückmeldung, dass die kennengelernten Vorgehensweisen in den eigenen Unterricht Einzug gehalten haben, mit verblüffendem Ergebnis. Da tanzen plötzlich auch diejenigen im Kurs, die erst kurz dabei sind, völlig losgelöst und selbstverständlich, werden „Mauerblümchen“ zu Energiebündeln und kreativen Quellen, das Konkurrieren um den besten Platz in der Nähe des Lehrers vorm Spiegel wird zu einem Miteinander. Allerdings ist in der Improvisation die anleitende Rolle eine andere als die des ausführenden Parts. Das Wissen um Methoden ist die eine Seite. Wer Impro unterrichtet, muss sich hingeben, mit der Klasse im Fluss sein und darf doch nie die Fäden aus der Hand geben. Gut vorbereitet in eine Stunde zu gehen, ein Konzept zu haben und ein Ziel zu verfolgen gehört genauso dazu wie flexibel und bereit zu sein, alles dem Moment zu opfern, opfern zu können. Daher Tai: TOOLs. Es geht hier nicht um bunte Karteikarten oder um durch genormte „Einmalimmerso-Bauklötze,“ sondern vielmehr um das Erforschen und Erfahren einer genauso strukturierten wie individuell variierbaren Methodik. Wer hier Feuer fängt, kann Orientalischen Tanz sehr modern und doch (wieder) nah an seinem Kern unterrichten, sehr diszipliniert ( das ist kein Widerspruch!) Freiräume schaffen, als Lehrer selber Spaß haben und Überraschendes zulassen.


Der Tanz ist … jetzt seit 28 Jahren mein Beruf und unverändert neben meiner Familie mein Lebensmittelpunkt. Er ernährt mich nicht nur im materiellen Sinn, sondern bestimmt meinen Alltag und mein Denken zu großen Teilen. Er ist Freund und Feind zugleich. Ich danke ihm, liebe ihn, hasse ihn und hätte gerne meine Ruhe - und kann dann doch nicht „ohne“. Immer wieder zwingt mich mein Leben als Freiberufler zu dem Einschlagen von unbekannten Wegen, hält Spiegel vor. Der Preis für die Freiheit, eine Leidenschaft zum Broterwerb gemacht zu haben, ist manchmal ganz schön hoch. Der Lohn dafür manchmal... ganz schön niedrig.
Aber ich möchte nicht tauschen, denn:
„Wir tanzen nicht den süßen netten “ nimm` mich”-Tanz, sondern den “Lass die Katze aus dem Sack”-Tanz, den „lebe die Magie des Augenblicks“-Tanz. Den „wir ehren den Augenblick mit unseren Händen und Füssen“ - Tanz.
Wir tanzen nicht den „Brüste schütteln & Hintern wackeln“-Tanz, sondern den Tanz, der die Traurigkeit aus allen Knochen vertreibt, den Tanz, der uns unsere Würde zurückgibt.
Wir tanzen nicht den Affentanz mit drei Schritten nach rechts und drei Schritten nach links und dann geradeaus, sondern den Tanz, der Gräber aufreißt und alle verheilten und nicht verheilten Wunden bloßlegt, den Tanz, bei dem Rhythmus und Herzschlag eins sind.
Wir werfen keinen unauffälligen Standard-Tanz aufs Parkett. Wir tanzen nicht das nette, unauffällige, in sich selbst versunkene Herumgeschiebe, sondern einen Tanz, wo unsere Haare fliegen, unsere Flügel ausgebreitet werden, der unsere Käfige aufbricht und unsere Krallen wetzt, wir tanzen unseren Weg zurück ins Licht der Liebe.
Wir tanzen nicht, um ein bisschen herum zu tänzeln und dabei nur ja nicht außer Atem zu kommen, sondern wir tanzen die Kathedrale unseres Körpers, wir tanzen, um unsere Seele auszubreiten, um zu spielen, zu fliegen und um zu beten im Tempel unserer Haut.“
So ist es. Jeh älter ich werde, desto näher ist mir diesem hinreißenden Aufruf von Jewel Mathieson
mit lieben Dank an Gabriele Schroetter aus Südtirol, die ihn aus dem Englischen übersetzt und mir geschickt hat.

Es fehlt mir schwer... zu glauben oder gar zu akzeptieren, dass Tänzerinnen meiner Generation ohne kosmetische Verjüngung auf Mitte 30 ihren „Bühnenberechtigungsschein“ verlieren. Meine eigenen Tanzheldinnen waren zu Beginn meiner Laufbahn allesamt über 40. Jetzt bin ich 53, nehme meine grau werdenden Haare an und stelle fest, dass mir silberne Strähnen besser stehen als jede noch so brillante Farbe von Lòreal. So gut, dass ich graue Extensions einflechten lasse. Meine Kostüme haben sich schon vor Jahren angepasst, nicht nur meinen wilden Bodenparts wegen, sondern sie hüllen auch meinen Körper ein. Keine nackte Haut, egal ob jetzt faltig oder früher noch nicht, einfach keine Projektionsflächen mehr. Zeitgenössischer orientalischer Tanz? Ich beschäftige mich so lange damit, dass ich ihn als mein Medium betrachten darf, auch wenn meine Knie nicht immer ins Grand Plie wollen. Das zeitgenössische Element besteht ja nicht nur aus hohen Beinen oder einem Sprung in den Spagat. Es ging mir damit von Anfang an um mehr als ein erweitertes technische Repertoire und um schicke Showeffekte. Es geht mir vor allem um eine Reife in der Darstellung. Ich selbst habe mich dem Tanz nie näher gefühlt als jetzt.Und wie schon in „Secret Lila“: in meinem aktuellen Tanztheaterprojekt „Don`t climb the Pyramids“ spielt das Alter der teilnehmenden Frauen eine eigene Rolle, ist eine interessante, individuelle Farbe, ein Ausdrucksmittel, egal ob Mitte 20 oder Jahrgang 1960! Die Heterogenität des Ensembles ist nicht das Manko, sondern die Aussage selbst.

Heute ist (oder besteht oder wichtig für) mein Leben... siehe oben! Was sich aber geändert hat: ich brauche mehr Erholungsphasen. Schlafen ist wichtig. Die ausgedehnten Spaziergänge mit meinem Hund. Meine Tochter durch die Pubertät zu begleiten ist wichtig. Mein Mann steht auch in der Woche fast jeden Abend auf der Bühne oder gibt Impro-Theaterkurse, ich gehe ins Training, unterrichte in der ETAGE, bin meist am Wochenende unterwegs – gemeinsame Zeit mit ihm ist wichtig. Meine Freunde sind wichtig, „bei mir bleiben“ ist wichtig.

Ich kann nicht leiden... wenn ich Stockfisch essen soll. Ich bin ostfriesischen Geblüts, Hamburgerin und mit sämtlichen Fischgerichten dieser Welt seit Kindesbeinen vertraut. Aber Stockfisch? Ne. Außerdem hat meine kluge Großmutter alle Menschen, denen es ihrer Ansicht nach an Humor oder Esprit fehlte, generell unter diesem Begriff (mit spitzen „St“) zusammengefasst, vielleicht auch daher meine Aversion. Spontan füge ich noch „Kaugummi kauen mit offenem Mund und Dauertelefonieren im öffentlichem Raum“ hinzu: ich beantworte diese Frage in einem vollen Zug nach Stuttgart und versuche irgendwie die Geräusch-Kakophonie meiner Sitznachbarin zu ignorieren. Seit wann bin ich eigentlich so zickig? Ausatmen!
Was ich aber so richtig schlimm finde? Plagiate, das „Abkupfern“ von Ideen. Auch das ist wohl mit der Muttermilch eingesogen, denn mein Vater war Fernsehmann in den 1960èr und 1970èr Jahren, seine Firma hat neben der Synchronisation von amerikanischen Serien wie “Bonanza“auch viel Werbung produziert. Ein guter Einfall erzeugte sofort eine Welle von Nachahmern... mein Vater war ein sehr gutmütiger Mann. Aber dann wurde er wütend. Was heute so los ist, würde ihn rasend machen. Später dann, während eines Engagements im Circus Roncalli, habe ich Bernhardt Paul als lebende Dekoration zu einem Interview begleitet. Langweilig, aber dann antwortete er auf eine Frage wie oben: „Gedankenklau“. Habe ich nie wieder vergessen und mir geschworen, selbst dieser Versuchung, sollte sie auftauchen, zu widerstehen.
Ich bin geübt darin, mir eigene Gedanken zu machen und empfinde das als eine meiner wichtigsten Aufgaben als Künstlerin. Aber es wird immer schwieriger, denn durch die jederzeit verfügbaren Eindrücke, Informationen und das gefühlte „immer schneller, immer weiter“ entsteht auch bei mir der Eindruck, in viel kürzeren Abständen handeln, produzieren zu müssen als meine inspirative Quelle sprudelt. Da könnte durchaus ein Klick mit der Maus Erleichterung bringen Meine Lösungen dafür: raus mit dem Hund. Den PC auslassen, improvisieren. Akzeptieren, dass manche Dinge Zeit und einen Prozess brauchen. Und wenn ich doch mal etwas übernehme, die Quelle nennen. Öffentlich. Bitte. Danke schön!
Besser noch, die Quelle nennen UND die Inspiration variieren. Sonst decken sich nicht nur die angewandten Techniken Formulierungen, sondern auch der Inhalt und die Botschaft. Letzteres passiert so oft in unserer Szene! Ob im manchmal „unschuldigen“ Falle von „ist im Netz, auf der Bühne, ist meins“ oder ganz bewusst ausgeführt: nicht nur dem Beklauten wird geschadet. Eine sich durch die heutigen schnellen Verbreitungswege vervielfältigende Kopie verflacht im Zeitraffertempo das Originäre zur Plattitüde - und das schadet einer ganzen Sparte, nimmt ursprünglich wirksamen Werbemitteln die Wirkung, Stilistiken ihre Aussage, verhindert Vielfalt, sprich fördert den Ausverkauf und den Übersättigungseffekt, den wir alle spüren. So.
Und füge noch hinzu: ich kann es auch nicht leiden, wenn bei Auftritten, wo auch immer, im Publikum via Handy mitgefilmt wird. Eine Hand am Smartphone – wie soll da noch applaudiert werden? Im Ernst, der Moment der Darbietung ist nun mal vergänglich, das ist das Schöne am Tanz. Es ist so viel besser, ihn direkt und mit allen Sinnen zu genießen! Und die Eindrücke im Herzen und nicht per Video mit nach hause zu nehmen.

Die moderne Welt … tickt mir zu laut, das gebe ich zu. (Meine Nachbarin im ICE telefoniert noch immer. Und weil der Typ gegenüber auch wieder Empfang hat und dagegen anredet, hat sie jetzt ihren Lautsprecher angestellt. „Hallo Mama !Erzähl mal!“ Aha, sie telefoniert mit ihrer Mutter. Schön, dass die beiden sich gut verstehen – ich tu`s auch. “Entschuldigung, könnten Sie...?“) Ansonsten, ab wann ist denn die Welt „modern“ und ich aus einer anderen Zeit? Die Frage stelle ich mir immer wieder und meine besten Ratgeber sind meine Kinder. Wir reden viel, ich werde beruhigt oder angeschubst, je nachdem.

Facebook bedeutet... so einen Schubser. Ich habe mich diesem Medium so lange verschlossen, dass die Eröffnung meines zum jetzigen Zeitpunkt gerade ein paar Tage alte fb – Accounts fast eine Sensation war. Ich bin gespannt, was sich nun so tut, bleibe aber moderat. Mit Vorsicht und mit Massen zu genießen, würde ich sagen. 




Inspiration... unser innerster Antrieb. Nicht das Netz, wie es uns der TV-Spot der Telecom weis- bzw. pinkmachen will. Das Internet ist voll von fantastischen, tollen, lustigen, nachdenklichen, wichtigen Einfällen. Aber es sind die Einfälle anderer, schon da. Das wahre Leben hält da besseres bereit. Eigenes. Zum Beispiel in einer Tanzklasse... wenn improvisiert, gespielt, kreativ etwas geschaffen wird, was es so noch nie gegeben hat!

Träume... vielevieleviele! Und jetzt ist nicht nur die letzte Frage beantwortet, sondern auch die Schnattertaschen von nebenan und gegenüber sind fertig. Sie scheinen friedlich zu schlafen... Stille!! Dann kann ich jetzt meinen alten DELL zuklappen und das tun, was ich am Reisen mit dem Zug am Schönsten finde, nämlich meinen Gedanken nachhängen, mit offenen Augen vor mich hinträumen.



Rrrriiing!!! Das ist mein Telefon. War doch leise gestellt? Egal, ist meine Tochter! „Hallo Schatz, erzähl mal...“ 

Sonntag, 10. November 2013

Interview mit Verahzad


Meine erste Gesprächspartnerin ist Verahzad. Sie gab mir als erste weibliche Tänzerin die Chance, ich zu sein, meine Tanzideen auf ihren Shows zu zeigen und die Choreographien ihren Schülerinnen bei zu bringen. Sie traf auf mich gleichberechtigt und nicht als Lehrerin, zu der sie allerdings dann über die Jahre wurde. Philosophieren, beraten, zuhören, sich mit mir aufregen, manchmal auch in den Allerwertesten treten ;). Ich liebe sie, weil sie in dem ganzen System "Szene" ihren Platz gefunden und erhalten hat. Aber was viel wichtiger ist, neben der Tänzerin sich auch mit der Seite "Mensch" beschäftigt, pflegt und zeigt.

Verahzad, startete mit dem orientalischen Tanz Ende der 80er Jahre und beschloss erst 10 Jahre später Auftrittstänzerin zu werden, was sie bis heute noch ist. Sie zählt zu den Tänzerinnen, die ihr Lebensunterhalt, zwischenzeitlich auch Alleinerziehend durch das Tanzen verdient. Unzählige Arbeit mit arabischen Tänzerinnen, türkischen und arabischen Musikern, Reisen nach Cairo, um die Kultur kennenzulernen und später zum Ahlan Wa Sahlan Festival, Modeln für die Designerin Amira el Kattan, enge Freundin von Sarah Saeeda und Lulu Sabongi, und der Glaube an die innere Kraft der Frau und den Orientalischen Tanz als den Schlüssel dazu sind nur ein Paar Stichpunkte aus einem erfahrungsreichen Tanzleben. 





Über deinen Tanz und dein Leben
Tja , das ist wohl ein abendfüllendes Thema... Da mich der Tanz seit über 20 Jahren begleitet, müsste ich über mein Leben in dieser Zeit berichten. Die wichtigsten Stationen raus zu picken gestaltet sich eher schwierig. Bemerkenswert waren immer meine Kontakte zu meinen Lehrerinnen, die gemeinsam mit meiner Lebenssituation neue Anstösse gaben. Am Anfang waren es wohl Samra, die mich mit meiner persönlichen Einstellung zu Sinnlichkeit und dem Thema Weiblichkeit konfrontiert hat, Sharazad, durch die ich in Oberlethe den Einblick in die Bandbreite und Spiritualität des Orientalischen Tanzes eintauchen konnte, und Beata (damals Zadou), die durch die Ballettorientierung Bestätigung gab, an klarer Tanztechnik zu arbeiten, was mir sehr entgegen kam, da ich selber Ballett gemacht hatte. Als dann Karim Izadi Sterne der Orientalischen Tanzshows in Deutschland organisierte und gleichzeitig ein Boom ausgelöst wurde, eröffnete ich eines der ersten Tanzstudios in Deutschland. Wir luden mit mehreren Sponsoren Internationale Dozenten (Nadia Hamdi, Hoda Ibrahim, Amaya u.a.) ein und organisierten gemeinsame Workshoptourneen. Zu dieser Zeit war es eine sehr persönliche Szene, in der tolle Freundschaften entstanden und wir uns mit unseren Problemen austauschten, unsere Euphorie teilten. In dieser Zeit war Sahra Saeeda, damals noch in Ägypten tätig, eingeladen und wohnte eine zeitlang bei uns. Sie ist seitdem jedes Jahr in Deutschland und eine meiner besten Freundinnen geworden. Meiner Meinung nach eröffnete sie uns Tänzerinnen allen eine neue Orientalische Tanzwelt: sie baute ein Fundament und eine Brücke zum Orient auf, in dem sie uns die Welt des Ägyptischen Tanzes erklärte. Für mich erschloss sich dadurch nach der Zeit des Sammelns von Informationen eine neue Welt der Tanzethnologie, Berücksichtigung der Orientalischen Mentalität, Musik und Kulturkunde und neue Sichtweisen auf ein Gesamtkonzept als Tänzerin. Als Folge musste ich vor Ort mit dem Original lernen, mit Live- Trommler, den Geruch Kairos einatmen, die Pyramiden anschauen, Tänzerinnen vor Ort tanzen sehen,  die ägyptische Herzlichkeit kennen und lieben lernen, die Verehrung und Verachtung von Bauchtänzerinnen erleben usw. Ich glaube, mit Gamila und ein paar Schülerinnen von mir waren wir die ersten Deutschen, die bei dem kleinen ägyptischen Festival Ahlan wa Sahlan dabei waren. Boom, und wieder eine neue Etappe: überall auf der Welt gab es grosse Tanzstudios, wobei jede Nation ihre typischen Prägungen hat. Ich lernte sehr viele Südamerikanerinnen kennen, aber auch Nordamerikanerinnen, Europäerinnen, sah Souhair Zaki bei ihrem letzten WS, erlebte die Ergriffenheit einer Tanzgemeinschaft für ihr Lebenswerk (250 Frauen, die minutenlang weinten und klatschten). Die nächsten Jahre kamen immer mehr Deutsche nach Kairo und teilten inspiriert ihre Passion, das Tanzniveau stieg endlich allgemein an und verschiedene Richtungen bildeten sich aus. Ich entschied mich aus privaten Gründen meinen Schwerpunkt, wie die ägyptischen Tänzerinnen, auf das Entertainment zu legen und nicht nur zu lehren. Ausserdem hat man nie ausgelernt. Ich bin dankbar von so vielen Tänzerinnen unterstützt worden zu sein, mit ihnen auf der Bühne an gemeinsamen Projekten gearbeitet zu haben, dass ich mein Privatleben in den Tanz einfliessen lassen und mich mit ihm entwickeln konnte, dass ich so viele prägende Weggefährten hatte und mich immer noch über eine neue Generation von Tänzerinnen begeistern, mich über zu viel Kommerz und Marketing aufregen, über unterschiedliche Ansätze diskutieren und trotzdem freundschaftlich verbunden zu sein kann, therapeutische und philosophische Aspekte einfliessen lassen kann und mich immer noch mit dem Tanz als meinen wichtigen Lebensweg entwickle.

Über den Unterschied zwischen der Auftritts- und Bühnentänzerin
Das erste, was mir einfällt ist, dass ich als Auftrittstänzerin immer FÜR andere tanze und als Bühnentänzerin MICH tanze. Wenn ich mir eine Show ausdenke, habe ich immer auch eine künstlerische Message gehabt: so wie z.B. den 11. September zu verarbeiten, wo Sahra und ich eine Kriegsszene tänzerisch eingebaut hatten, die uns persönlich sehr ergriffen hat oder mein Riesenschleiertanz zu Chill- out Musik. Es war uns eigentlich egal, was die Leute dazu meinten, weil wir uns mit den Mitteln des Tanzes ausdrücken wollten. Bei Kunst geht es nicht unbedingt darum, ob es gefällt, sondern was ich mitteilen möchte. Auf meinen Shows erlaube ich mir die künstlerische Freiheit, auch andere Tänze auszuprobieren - bzw. den anderen teilnehmenden Künstlern. Meine eigene Erwartungshaltung ist bei Orientalischen Shows genauso: ich möchte neue Ideen sehen, Kreativität auf der Bühne, Trauer, Schmerz, Witz etc. Da geht es eigentlich um Tanztheater mit den Mitteln des Orientalischen Tanzes.
Im Gegensatz dazu versuche ich als Auftrittstänzerin, Menschen glücklich zu machen, ein Klischee zu bedienen. Als Entertainerin (und so verstehe ich mich dann, in der direkten Reihe zu Coverbands, Schlagersängern und Stand-up-Comedians) gehe ich auf die Wünsche der Kunden ein, bleibe in der Oberflächlichkeit: der Kunde erwartet eine schöne, glitzernde Tänzerin, die allen gute Laune macht und die Feier zu einem besonderen Erlebnis macht. Der Kunde möchte ein weisses Kostüm und romantische Lieder mit Schleier - kein Problem. Der Kunde möchte einen rassigen Vamp, der Stimmung verspricht - Ok, 
ich richte mich danach.
Damit mich hier niemand falsch versteht: ich liebe das mehr als alles andere!!! Was gibt es schöneres, als andere Menschen, und sei es nur für einen Abend, glücklich zu machen, sie an die Schönheit des Lebens glauben zu lassen und ihr Herz zu öffnen? Das Niveau eines erfolgreichen Entertainers muss selbstverständlich genauso hoch sein, wie der eines Bühnendarstellers, aber im Unterschied zu ihm muss ich mein Publikum lieben und es einbeziehen, auf meine Reise in den Orient mitnehmen.
Gerade im Orientalischen Tanz geht es in Ägypten, der Türkei, dem Libanon usw. um Entertainment und nicht nur um Selbstdarstellung auf einer Bühne. Tanz ist die direkte Kommunikation! Mit dem Orientalischen Tanz werden Lebensunterhalte verdient, ein neues Frauenbild geprägt, siehe Farida Fahmi, Souhair Zaki und Dina, die übrigens nicht für das gleiche Frauenbild stehen. Tanz wird nicht getrennt von Musikern oder dem Publikum gesehen. Ich tanze ja nun seit über 15 Jahren auf allen national unterschiedlichen Feiern und passe meine Auftritte dem Publikum an. Türken möchten andere Musik als Libanesen. Ägypter brauchen mindestens ein Herzschmerzstück. Russen brauchen mehr Romantik und Show, Deutsche mehr Abstand! Albaner sehen in mir etwas anderes als Griechen. Ihr seht, es ist nicht einfach. Und ich muss immer sehen, dass ich meinen eigenen Stolz bewahre, mir meiner eigenen Identität bewusst bin, meine Moralvorstellungen hochhalte. Ja, das ist die Kehrseite über die sich jede Frau bewusst sein sollte: die Realität ist nicht so geschützt wie die Bühne! Es ist nur ein Job für Frauen, die sich über ihre Macht gegenüber Männern bewusst sein sollten. Ist es umgekehrt, werden sie untergehen, bzw. in die Prostitution übergehen! Es ist eine Gradwanderung, denn so wie du dich als Frau siehst, wird dein männliches Publikum dich wahrnehmen. Begibst du dich in eine Opferrolle, kann es gefährlich werden. Leider gibt es immer noch Bauchtänzerinnen, die wie ein Stück "Dreck" behandelt oder als Sexobjekte missbraucht werden, was wiederum zu dem schlechten Ruf der Autrittstänzerinnen beiträgt. Nur was mich immer geärgert hat, ist, dass GUTE AUFTRITTSTÄNZERINNEN oft authentischer den Orientalischen Tanz wiederspiegeln und einen super Job absolvieren, was in der Tanzszene von vielen belächelt wird. Und sie tanzen FÜR Orientalische Menschen, bringen ihnen ein Stück Heimat für einen Abend, teilen positive Gefühle mit ihnen, weil sie sich das Schönste aus deren Kultur rausgepickt haben.
Ich liebe die Menschen, die Kultur und die Musik des Orients und kann ihnen ein Stückchen meiner Liebe zurückgeben. Ich habe fantastische Menschen über meine Auftritte kennengelernt, interessante, kollegiale Frauen, die sich die Jobs weiterreichen und habe immer noch sehr viel Spass an den Auftritten. Ich kann mir ein anderes Leben gar nicht vorstellen und denke manchmal mit Wehmut daran, dass es ja nun leider zeitlich begrenzt ist. Niemand möchte eine professionelle Tänzerin einladen und dann nur über ihr Alter und Aussehen lästern, was wiederum auf der Bühne nicht so wichtig ist. Da zählen andere Werte!

Über YOGA und den Säbeltanz
YOGA ist eigentlich eine Lebenseinstellung und Geisteshaltung, aber auch Gymnastik mit spirituellem Hintergrund. Anstatt sich einfach nur zu dehnen, bevorzuge ich entspannende Musik zu der ich ausgleichende Dehnübungen aus dem Yoga praktiziere. Yoga ist die ideale Ergänzung für Tänzerinnen, da der Yoga auch einem Tanz ähnelt. Es macht einem die beanspruchten Muskelpartien und Defizite an denen man arbeiten sollte deutlich und macht Spass.
Wer mich kennt, weiss dass mir die Selbsterfahrung und eigene Entwicklung durch den Tanz wichtig ist. Ein Säbel als Verteidigungs- und Angriffsinstrument, symbolisiert meine eigene Stärke, mein Verteidigungspotential, erfordert im Tanzausdruck Posen zu halten, Spannung aufzubauen. Baue ich diese Fähigkeiten tänzerisch aus oder erkenne,  dass sie mir fehlen, kann ich daran arbeiten und mich selber dazu coachen, kraftvoller zu werden. 



Über Veränderungen
Der Ägyptische Tanz ist beständig in seiner Veränderung: massgebliche Tänzerinnen so wie z.B. Fifi Abdou, Souhair Zaki in den 70er/ 80er Jahren, Naima Akef, Taheya Carioca in den 50er Jahren, waren für viele Frauen Vorbilder, um ihnen im Orientalischen Tanz nachzueifern. Dann kam eine Revolution mit Lucy und Dina in den 90er und 2000er, die dem Tanz Raumgrösse gaben und auch das Frauenbild mit veränderten. In den letzten 5-10 Jahren kamen wiederum Einflüsse aus Südamerika und Russland hinzu, die das Tanzniveau nochmal angehoben haben, indem Elemente aus Ballett und Contemporary Dance einflossen, was die Original- Tänzerinnen in ihr Tanzrepertoire einfliessen lassen. Für uns ist die Herausforderung, diese Veränderungen mitzutragen und den Orientalischen Tanz auf ein neues internationales Tanzniveau zu heben. Der Orientalische Tanz hat seine eigene Berechtigung, aber Tanz bedeutet immer auch Entwicklung.

Über die politische Lage in Ägypten und Oum Kolthoum
Zu der politischen Lage: ich bin ein grenzenloser Optimist, was die Entwicklung der Menschheit angeht. Ich glaube an den jugendlichen Idealismus und die positive Veränderung. Erstmal muss die Mubarak Zeit verarbeitet werden, das Frauenrechte - Thema in Ägypten angegangen werden, die Armut bekämpft, der Fundamentalismus in seinen Ursachen und Radikalität verstanden werden, die Umweltpolitik speziell in Kairo angegangen werden und erst dann kann was neues entstehen... Die Pyramiden sind auch nicht an einem Tag erbaut worden. Ägypter haben ihren Glauben und eine sehr liebevolle Art im Umgang miteinander. Schlechte Menschen gibt es leider überall, aber langfristig wird die neue Bewegung siegen! Und an alle Miesmacher: wenn wir alle Lichtgedanken in die Dunkelheit schicken, wird es auch schneller hell!!
Was aktuell an Oum Kolthoum ist, ist ihre Gefühlswelt, die für alle Menschen gleich ist. Wir spüren alle Liebe, Hoffnung, Schmerz, Trauer, Wut, Resignation etc. Das wird mit ihrer meisterhaften Interpretation in den wunderbaren Stücken spürbar. Ausserdem hat sie Musik als wichtigsten Antriebsmotor der Menschheit verstanden, war eine idealistische Person, die ihr Leben der Kunst gewidmet hat und andere Künstler auf ihrem Weg mitgenommen und geschätzt hat. Sie war eine der herausragendsten Personen des letzten Jahrhunderts (schaut euch mal ihre Beerdigung an). Sie lehrt uns Respekt und Liebe füreinander. Sie hat damals die traditionelle Orientalische Musikwelt revolutioniert und Einflüsse aus der westlichen Musikkunde übernommen und damit zu einer Öffnung verholfen, die in die Köpfe und Herzen der Menschen ging. Als Technobeats in die Musik kamen, wurden sogar Oum Kolthoums Lieder neu vertont. Als Tänzerinnen profitieren wir von der Vielfältigkeit und Tiefe ihrer Musik, die uns zu unseren eigenen Gefühlen führt.

Über die Liebe
Was uns in allen Lebensbereichen trägt, ist die Liebe. Wer Liebe in all seinen Facetten verspürt hat, den Schmerz, die Sehnsucht, die Angst um einen geliebten Menschen und vor allem die bedingungslose, glückliche Liebe, der kann im Tanz seine Liebe ausdrücken und wird Menschen durch seine Ausdrucksfähigkeit berühren. Das ist die Essenz von Tanz: mit anderen Menschen ein Gefühl zu teilen, sich verbunden zu fühlen. Liebe ist ein Hauptthema in der Musik, also sollten wir als Tänzer(-innen) das auch spürbar machen. 

Über die Hoffnung
Ich habe immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass der Orientalische Tanz einen hohen Stellenwert als eigenständige Tanzform bekommt. Wir, Orientalischen Tänzerinnen, müssen ein grösseres Selbstbewusstsein bekommen, worin sich unser Tanz von anderen unterscheidet. Wir integrieren seit Jahren alle möglichen zeitgenössischen Trends, so wie Ballett, Contemporary, Flamenco, Tango , Hip- Hop etc. Aber die Tiefe unseres speziellen Tanzes muss mehr hervorgehoben werden: wir beziehen uns in diesem Tanz auf Weiblichkeit als Klischee, und das hat einen eigenen Wert!!! Nur weil wir uns hübsch machen, lange Haare haben, Glitzerkostüme tragen, sind wir noch lange nicht oberflächlich! Es ist die Schönheit in uns, die wir nach außen tragen wollen. Wir haben alle eine Sehnsucht nach Glitzer. Hundertwasser hat einmal gesagt, dass jeder Mensch das Recht auf ein bisschen Gold und Silber hat. Gold und Glitzer stehen symbolisch für das Licht in uns, für das, was aus der Dunkelheit, dem Alltag, aus uns heraus strahlt. Ich habe die Hoffnung, das wir uns von dem elitären, westlichen, männlichen Kunstgedanken befreien und eine neue weibliche Definition von Kunst entwickeln. Orientalischer Tanz vereint hohe musikalische Kunst mit Tanzperfomance. Und wem das nicht gefällt, der kann doch Contemporary Dance tanzen, oder?

Über Vereinbarkeit von Tanz und Lebensrealität
In erster Linie war und bin ich die ganzen Tanzjahre Mutter! Teilweise finanziell alleinerziehend und habe immer schon ausschliesslich vom Orientalischen Tanz ( Shows und Unterricht ) gelebt. Jahrelang hatte ich eine sehr unterstützende Putzfrau, ohne die ich das alles nicht geschafft hätte und super liebe, und verständnisvolle Kinder. Meine besten Freundinnen tanzen Gott sei Dank auch, so dass wir neben Privatem auch immer Austausch über den Tanz haben, denn der dominiert schon arg mein Leben. Manchmal war ich schon traurig, dass ich an Wochenenden nichts mit Freunden planen konnte, aber daran, wie z.B. kein Sylvester zu feiern, habe ich mich gewöhnt. Ich habe den Tanz auch immer als persönliche Entwicklungschance begriffen und meine Lebensthemen in den Tanzunterricht einfliessen lassen. Nach den ersten Jahren ohne Privatleben, habe ich beschlossen, mehr Grenzen zu ziehen. Ich glaube, dass ich gar keine richtige Trennungslinie mehr ziehen kann, weil ich schon so lange in dieser Tanz – Frauenwelt lebe. Eigentlich bin ich froh, dass ich als Künstlerin die Chance habe, davon zu leben und bin wahrscheinlich für einen „ normalen „ Job verdorben. Meine Realität ist sehr orientalisch, südamerikanisch und in vielen Dingen auch deutsch. In meiner Stadt bin ich akzeptiert und muss nicht gegen Vorurteile kämpfen. Es ist wie es ist!